Aus der Arbeit in Dornach im Jahr 2014

Januar Albert Steffen-Tagung

in Zusammenarbeit mit der Albert Steffen-Stiftung
Ende Januar fand die jährliche Tagung zum Lebenswerk Albert Steffens mit dem Thema „Ordnung der Geschicke“ in Dornach statt. Dr. Heinz Matile widmete seinem Eröffnungsbeitrag das Thema „Ordnung der Geschicke in Biografie und Werk Albert Steffens“, Dr. Christiane Haid betrachtete die Tragödie „Karoline von Günderrode“ unter dem Gesichtspunkt der Schicksalsordnung. Christine Engels sprach über Gemeinschaftsbildung im Zusammenhang mit der Frage der Schicksalsordnung und Hans-Peter Egloff führte eine Bildbetrachtung zum malerischen Werk Albert Steffens durch. Eine Ausstellung von Aquarellen Albert Steffens im Tagungsraum war eine wesentliche Bereicherung der Tagung.

Februar bis Dezember - Acht poetische Sonntags-Soiréen

in Zusammenarbeit mit der Sektion für Redende und musizierende Künste
Die insgesamt acht Soiréen brachten einem wachsenden Publikum die unterschiedlichsten Dichtungen in Rezitation und Betrachtungen, teilweise mit Eurythmie und Musik, zu Gehör. Die erste Veranstaltung war Christian Morgenstern gewidmet, von Michael Blume rezitiert und dargestellt. 2014 hatte Morgenstern seinen 100. Todestag. Bei der Lesung stand Morgensterns prägende Begegnung mit dem Werk Friedrich Nietzsches im Mittelpunkt.

In der zweiten Soiree stand der nahezu unbekannte Malerdichters Johannes Leibl (1907-1943) im Mittelpunkt, dessen Werk durch die Anthroposophie befruchtet wurde. Andrea Hitsch hat Leben und Werk dieses vergessenen Dichters wieder zugänglich gemacht und ihm eine kleine Ausstellung gewidmet.

Das Werk Friedrich Hölderlins stand im Mittelpunkt der dritten Soirée, in der neben dem Sprachlich-Eurythmischen durch die Goetheanum-Eurythmiebühne in der Betrachtung durch Andrea Hitsch dieses dramatische Lebenschicksal zur Erscheinung gebracht wurde.

Zwei zeitgenössischen Lyrikern, Ingo Alexander Bergmann und Reinhart Moritzen, war ein besonderer Nachmittag gewidmet, bei dem man durch die Dichtenden selbst in ihrem Sprachklang den Gedichten zuhören könnte.

Ein schwungvoller und bewegter Gang durch die dem Thema Götter und Genie gewidmeten Gedichte Conrad Ferdinand Meyers, von Michael Blume dargestellt und rezitiert, prägte den Herbstanfang.

In die feine Ästhetik japanischer Dichtung von Basho, Buson, Issa Ryokan Soseki und Tanizaki führte uns, durch Michael Kurtz vermittelt, ein reicher Nachmittag mit feinen eurythmischen Gestaltungen.

Esther Bohren, Claire Wyss und Joachim Scherrer brachten in einer dichten Gestaltung einen Teil von Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien in eindrucksvoller Weise sprachlich und eurythmisch zur Aufführung, begleitet durch musikalische Improvisationen von Joachim Scherrer.

Die letzte Soirée in Zusammenarbeit mit der Goetheanum-Eurythmiebühne brachte eine eurythmisch-dramatische Gestaltung einer Rede Ingeborg Bachmanns „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, durchzogen von einigen Gedichten, zur Aufführung. Eine Betrachtung, in der Dr. Christiane Haid anhand von ausgewählten Gedichten - von Christine Engels rezitiert - dieses ernst-dramatische Nachkriegskünstlerschicksal nachzeichnete, wurde durch eigens dafür komponierte Musik von Franziska Bücklers auf dem Flügelhorn begleitet.

Februar: Märchenkolloquium und Märchenseminar

In diesem Jahr wurde erstmals ein Märchenseminar mit Almut Bockemühl, Angelika Schmucker, Sylvia Studer-Frangi und Sonja Theiler in Verbindung mit dem Märchenkolloquium durchgeführt. Hier stand das Thema „Prüfungen im Märchen“ im Mittelpunkt. In der inhaltlichen Arbeit während des Kolloquiums wurde die Rosenkreuzmeditation von Rudolf Steiner bearbeitet.

Verantwortlich: Angelika Schmucker

Februartage

- in Zusammenarbeit mit der Jugendsektion
Vom 28. Februar bis 30. März fanden in Zusammenarbeit mit der Jugendsektion die Februartage zum Thema „Geist-Denken: Bewusstseinswandel und Gemeinschaftsbildung“ für Studenten und Schüler statt. Beiträge zu Christian Morgensterns Werk von Dr. Christiane Haid und zu Nikolaus Cusanus von Dr. Constanza Kaliks und Prof. Harald Schwaetzer standen im Mittelpunkt einer intensiven und konzentrierten Arbeit mit jungen Menschen. Eine Schulklasse aus den USA hatte sich zur Teilnahme entschlossen, und so wurde die ganze Tagung von Sarah Kane ins Englische übersetzt.

März: 13. Sprachwissenschaftliches Kolloquium

Vom 7.-9. März fand das 13. Sprachwissenschaftliche Kolloquium statt. Hauptthema war der Sprachsinn, mit dem grundlegenden Buch von Peter Lutzker in Beziehung zu vieldiskutierten Experimenten (Tomasello und Libet) und einer vorläufigen Übersicht über unterschiedliche Auffassungen, die sich aus dem herausgebildet haben, was Rudolf Steiner als Sprachsinn beschreibt. Eurythmie und sprachliche Übungen halfen, sich des Sprachsinns bewusster zu werden. Allerdings scheint das Spezifische des Sprachsinns der Beobachtung immer wieder zu entgleiten. Höhepunkt des Treffens war ein Bericht mit Bildern und Filmsequenzen über die uralte Tradition des Memorierens, wie sie in verschiedenen Gegenden Indiens praktiziert wird, und die 2008 von der UNESCO in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde. Weitere Berichte befassten sich mit Überlegungen zur intersubjektiv nachvollziehbaren Charakterisierung von Ergebnissen in der Qualitätsforschung, zur Sprachauffassung Herbert Witzenmanns und zur Sprachauffassung Karl Königs.
Das nächste Kolloquium (vom 6.-8. März 2015) soll sich weiter mit dem Sprachsinn befassen, wie immer neben Berichten aus der aktuellen Arbeit.

Verantwortlich: Magdalena Zoeppritz, Michael Türk, Rimbert Chrobock und Jutta Nöthiger

März: Begegnung mit Christian Morgenstern

Vom 28. -30. März fand zum dem Thema „Alle Dinge werden mir ein einzig Du“ anlässlich seines 100. Todestags eine von vielen künstlerischen Aufführungen geprägte Tagung am Goetheanum statt. Die Vorplanungen konnten 2012 noch mit dem Herausgeber der grossen Stuttgarter Morgensternausgabe, Prof. Reinhard Habel, der krankheitshalber leider nicht an der Tagung teilnehmen konnte, aber Johannes Lenz aus Berlin als Redner empfahl, beraten werden. Die Vorträge spannten einen weiten Bogen. Prof. Ernst Kretschmer aus Modena/Italien, Verfasser der Werkmonografie zu Morgenstern und Herausgeber der epischen und dramatischen Schriften der Stuttgarter Ausgabe, stellte mit seinen Gedichtbetrachtungen einen literaturwissenschaftlichen Aspekt zum Thema Humor und Wirklichkeit vor. Die Goetheanum-Eurythmiebühne gab unter dem Motto „Farbenwort“ einen vielfarbigen Beitrag zu humorvollen und ernsten Gedichten Morgensterns. Johannes Lenz, ehemaliger Priester der Christengemeinschaft aus Berlin, sprach über Margaretha und Christian Morgenstern – eine ideale Lebensgemeinschaft. In diesem Jahr hatte er, der Margaretha Morgenstern noch als Seelsorger in München betreut hatte, zum gleichen Thema ein Büchlein veröffentlicht. Serge und Dominique Maintier gaben eine wunderbar lebendige Rezitation mit Klavierbegleitung, die in die lebendige, erfrischend-kosmische Sprachwelt Morgensterns einführte. In seinem Beitrag „Galgenhumor eines Mystikers“ lotete Dr. David Marc Hoffmann die Spannung zwischen diesen beiden scheinbar so gegensätzlichen Welten aus, die er anhand von Texten Morgensterns entwickelte. Ein eindrucksvolles Liederkonzert mit der Sopranistin Marret Winger und dem Pianisten Steffen Hartmann aus Hamburg brachte teilweise bekanntere, aber auch gerade aus Archiven aufgetauchte Liedliteratur von Vertonungen Christian Morgensterns zu Gehör. Dazu auch Lieder der jüdischen Komponisten Hans Kràsa (1944 in Theresienstadt umgekommen) und Wilhelm Grosz, der 1934 nach England fliehen musste und 1939 in den USA starb. Prof. Peter Selg hielt einen bewegenden Vortrag über „Geistige Hilfeleistung - Rudolf Steiner Christian Morgenstern“. Er stellte die innere Seite der Beziehung und Begegnung zwischen Rudolf Steiner und Christian Morgenstern dar und schilderte besondere Momente der sich nach Morgensterns Tod weiter entfaltenden Verbindung. Abschliessend sprach Dr. Christiane Haid im Zusammenhang mit dem 89. Todesstag Rudolf Steiners über „Christian Morgensterns Dichterwege zu Rudolf Steiner“ und schilderte, wie unterschiedlich die Begegnungen von Albert Steffen, Christian Morgenstern und Andrej Belyj, deren Werk grundlegend durch Rudolf Steiner inspiriert wurde, verlief.

April und November: Hochschulkreis für Kulturwissenschaften

Zweimal im Jahr tagt der Hochschulkreis für Kulturwissenschaften in Dornach, der von Prof. Harald Schwaetzer, Prof. Eckart Förster und Dr. Christiane Haid verantwortet wird. Thema des Apriltreffens war die Vorbereitung der mit der Sektion für Schöne Wissenschaften gemeinsam veranstalteten Tagung zu 100 Jahre Rätsel der Philosophie im Juni.

Mai: Kunstwissenschaftliches Kolloquium

Diesmal fand das Treffen in Berlin statt, was eine hervorragende Möglichkeit zu Museums- und Atelierbesuchen bietet. Am Anfang stand ein Atelierbesuch bei dem Fotografen Achim Hatzius. Es folgte ein Ausstellungsbesuch mit Kunstbetrachtung an einem Werk von Ai Weiwei, dazu gab Alexander Schaumann eine Betrachtung mit anschliessendem Gespräch. Dr. Jutta Wortmann gab einen Beitrag zum Thema „Das Verhältnis von Kunsterkenntnis und Kunstrepräsentation“. Abschliessend stellte Cornelia Debus ein Werk von Martina Abramovic vor.

Verantwortlich: Dr. Jutta Wortmann und Prof. Roland Halfen

Mai: Lyrikkolloquium

Das Lyrikkolloquium im Mai war dem Werk Christian Morgensterns gewidmet. In dem in Salem stattfindenden Kolloquium standen Rainer Maria Rilkes Sonette an Orpheus im Zentrum, mit einem Beitrag über „Die orphischen Mysterien“ von Dr. Tilman Feuchtinger.

Verantwortlich: Almut Bockemühl und Emily Feuchtinger

Mai und November - Kolloquium zum Sprachschöpferischen Impuls
Rudolf Steiners

Im Mittelpunkt der Arbeit standen drei Themen: Die „Zwölf Stimmungen“ von Rudolf Steiner, eine Studienarbeit am ersten Aufsatz aus dem Werk „Die Schwelle der geistigen Welt“, um den sprachlichen Gestaltungsmitteln der Sprache Rudolf Steiners näher zu kommen, und die Frage nach den Bedingungen eines fruchtbaren Studiums der Texte Rudolf Steiners.

Zu Beginn fand im Zusammenhang mit den Zwölf Stimmungen ein Gespräch zur „Ansprache zur ersten eurythmischen Darstellung der drei Dichtungen Planetentanz – Zwölf Stimmungen – Satire“ von Rudolf Steiner, GA 40 (9. Auflage), S. 61, statt.

Es wurden die Stimmungen Widder, Waage, Krebs und Steinbock besprochen. Ziel der Kolloquiums-Arbeit ist es, Kriterien der Betrachtung für die Sprüche der Zwölf Stimmungen zu entwickeln.

Am Nachmittag folgte eine Arbeit am ersten Aufsatz aus „Die Schwelle der geistigen Welt“. Dazu gaben Barbara Messmer und Anna-Katharina Dehmelt Beiträge, Barbara Messmer zur Bildlichkeit und Anna Katharina Dehmelt zu den Gefühlsqualitäten.

Beide Beiträge und das daraus folgende Gespräch führten dazu, im nächsten Kolloquium wieder auf Fragen des anthroposophischen Studiums im engeren Sinne einzugehen. Schon lange lebt in vielen der Kolloquiumsmitglieder die Fragestellung nach dem "Anthroposophischen Studium als Organbildung", die im November durch Beiträge aufgegriffen wurde.

Im zweiten Treffen im November wurden die Beiträge zu den Zwölf Stimmungen mit Betrachtungen zum Rhythmus von Lydia Fechner, zu den Satzzeichen, der Satzdynamik und dem Strom der Sätze von Daniel Hartmann sowie Betrachtungen zu den einzelnen Sprüchen fortgesetzt. Auch die Arbeit an dem ersten Aufsatz aus „Die Schwelle der geistigen Welt“ wurde fortgesetzt. Margot Saar machte eine sehr fruchtbare Betrachtung zu den Wortarten und den modalen Hilfsverben, Dr. Martina Maria Sam zur Grammatik.

Zum Thema „Anthroposophisches Studium als Organbildung“ gaben Dr. Thomas Kracht und Anna-Katharina Dehmelt Beiträge, Barbara Messmer rundete das Treffen mit einem sehr originellen musikalisch-gesanglichen Beitrag zum Thema Studium Rudolf Steiners ab.

Verantwortlich: Dr. Christiane Haid

Juni: Pfingsttagung am Goetheanum „Die Pfingstbotschaft des Fünften Evangeliums“

- in Zusammenarbeit mit der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion (Bericht von Christa Ackeret)
Die von der Leiterin der Sektion für Schöne Wissenschaften, Dr. Christiane Haid, und Dr. Seija Zimmermann seitens der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion geleitete Tagung fand an Pfingsten statt. Das Thema eines „Fünften Evangeliums“, diesmal öffentlich für jedermann zugänglich, zog wohl auch manche Persönlichkeit an, die nicht Mitglied der Gesellschaft war. Eingeleitet durch die Eurythmie zu den Worten des umgekehrten Vaterunsers – welches Rudolf Steiner an den Anfang seiner Vorträge über das „Fünfte Evangeliums“ gestellt hat, begann die Tagung mit einem Einführungsvortrag von Christiane Haid: „Das Evangelium der Erkenntnis und die fünfte nachatlantische Epoche.“ Schon darin und auch im Abendvortrag von Michael Debus wurde deutlich, dass durch diese Tagung zwei sich gegenseitig befruchtende Ströme ziehen würden, um zum inneren Verständnis und zum inneren Erleben eines fünften Evangeliums zu kommen. Der eine Strom betraf den Weg des menschlichen Denkens und der geistigen Arbeit anhand der Sprache bis hin zur Darstellung der Akasha (Weltgedächtnis)-Forschung Rudolf Steiners, auf die nahezu alle Vorträge Bezug nahmen.

Der andere Strom durchzog die ganze Tagung künstlerisch, indem Empfindungen und Stimmungen durch die Eurythmie, Sprache und Musik, geweckt und zum ahnenden seelischen Erleben wurden. Wie Rudolf Steiners Forschung sich vollzog, wurde u.a. in den Vorträgen von Marc Desaules, der über die dritte Versuchung im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsleben sprach, und Dr. Virginia Sease, die über die vom Pfingstereignis befeuerten Jünger und ihr Fortwirken vortrug, angesprochen.

Wie Rudolf Steiner gerungen hat, diese geistigen Forschungen in die deutsche Sprache zu bringen, wurde eindrücklich miterlebbar durch die Erinnerungen von Andrej Belyj (Zeitzeuge bei den Vorträgen über das Fünfte Evangelium damals in Kristiania/Oslo 1913). Aus seinem Buch „Verwandeln des Lebens“ las - eher veranschaulichte - der Schauspieler Dirk Heinrich eindrücklich die Seelenstimmung, die Belyj beim Miterleben der Vorträge in Kristiania ergriff. Es war wie ein grosses Atemanhalten, worauf die Eurythmie nach Musik von Zoltan Kodaly ein Ausatmen möglich machte, um sich aufs aufs Neue für Belyjs Erinnerungen zu öffnen. So war es die Eurythmie, die erlebbar machte, was uns oftmals noch verwehrt ist. Sie erlaubte auch in ganz besonderer Weise, ein Verständnis des umgekehrten Vaterunsers zu entwickeln. Die täglichen Wiederholungen dieses Gebetes in Eurythmie wie auch das Erleben des „Aum“, vorgetragen von Aban Bana aus Indien, waren solche Erlebnisse.

Die Kulmination der beiden Ströme dieser Tagung sowie der weitere Vortrag von Dr. Seija Zimmermann „Licht und Finsternis – Bewusstsein als Grenzerlebnis“ als auch die vielen künstlerischen Darbietungen wurde weitergeführt durch den Abschlussvortrag von Michael Debus, der über den Weg des Jesus als Repräsentant der Menschheit an der Zeitenwende sprach. Hier schlossen sich zentrale Motive des Fünften Evangeliums in eine Zukunftsperspektive zusammen.

Juni: Studientagung: Rätsel der Philosophie von Rudolf Steiner - eine Standortbestimmung nach 100 Jahren

- in Zusammenarbeit mit dem Hochschulkreis für Kulturwissenschaften (Auszug aus einem Bericht von Johanna Hueck)
Die Fachvorträge warfen präzise und weitgreifende Fragen auf und spiegelten die Bandbreite der Anregungen, die die „Rätsel“ bieten: So kreiste der Vortrag von Prof. Eckhart Förster um die Frage, was der für Fachphilosophen interessante Aspekt der Steinerschen Philosophiegeschichte sein könne, da es Steiner offensichtlich nicht um eine bloße Darstellung derselben ging, sondern vielmehr um das Auffinden gewisser Gesetzmäßigkeiten, die in ihr herrschten.1 Die scharfsinnige Ausarbeitung einer solchen Gesetzmäßigkeit, die über die Spiegelung an einer Zeitachse Verwandtschaften zwischen den Denkrichtungen unterschiedlicher Epochen2 aufzeigt, wurde als Frucht dieser Frage eindrücklich deutlich.

Auch Dr. David Wood nahm die Uneindeutigkeit und Widersprüchlichkeit der Schrift als Ausgangspunkt für eine Heranführung an einen möglichen methodischen Umgang mit solchen „Rätseln“. Am Beispiel des Werkes „Mein Lebensgang“ arbeitete er drei methodische Felder der „Kunst der Philosophie“ nach dem Vorbild Rudolf Steiners aus und gab den Zuhörern damit Anregung zur Entwicklung eines eigenen Instrumentariums im Umgang mit den Schriften Steiners.

Prof. Harald Schwaetzer behandelte anhand des Unterschiedes zwischen erster und zweiter Auflage die Frage: „Wie entwickelt sich die Steinersche Idee der Entwicklung von 1900 bis 1914?“ Auf drei Feldern arbeitete er diese Entwicklung in eindrucksvoller Umfassung aus – bezogen auf die Philosophiegeschichte, bezogen auf den Menschen und bezogen auf die Christologie – und zeigte anhand der Verschiebungen zwischen erster und zweiter Auflage, wie die Hoffnungen, die Steiner noch um die Jahrhundertwende in die moderne Naturwissenschaften mit ihrem Entwicklungsbegriff setzte, später die Richtung wechselten und im (metaphysischen) Neukantianismus im Anschluss an Volkelt und Liebmann ihren Anknüpfungspunkt fanden.

Im Anschluss daran stellte Johanna Hueck die ersten Ergebnisse eines vom Forschungsfonds der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland geförderten Projektes zu den „Rätseln“ vor, die mit Hilfe einer exemplarischen Textanalyse das Charakteristikum der Gedankenführung Steiners und deren Entwicklung von der ersten zur zweiten Auflage zu fassen suchten.

Prof. Martin Basfeld weitete den Blick, indem er die philosophiegeschichtliche Einteilung in vier Entwicklungs-Epochen, wie sie Steiner im ersten Kapitel der „Rätsel“ vornimmt,3 in Beziehung setzte mit biographischer Entwicklung „im Sinne der lebendigen Entwickelung einer Persönlichkeit“4 am Beispiel Franz Brentanos. Dabei klang in einfühlsamer Schilderung das Ringen eines Menschen hindurch, der als exemplarischer Vertreter der 4. Epoche im Spannungsfeld von überlieferten Glaubensgrundsätzen und moderner Naturwissenschaft auf der Suche nach einem neuen, erkennenden „Glauben“ war.

Einen noch weiter gefassten Ausgangspunkt nahm Peter Selg mit seinem Vortrag, der vor allem den historischen Kontext des Entstehens der Neuauflage im Jahre 1914 betrachtete. Hier klang in großen Bildern die tiefe Dimension des Werkes im Zusammenhang mit der Christologie Steiners und der geschichtlichen Dramatik zu Beginn des ersten Weltkrieges an.

Die Vorträge wurde von zwei Arbeitsgruppen begleitet, die in gemeinsamer Arbeit wesentliche Themen des Buches vertieften: Martin Kollewijn behandelte in der von ihm geleiteten Gruppe die wichtigsten Aspekte des Schlusskapitels der Ausgabe von 1914 mit dem vielsagenden Titel „Skizzenhaft dargestellter Ausblick auf eine Anthroposophie“, Dr. Thomas Kracht und Dr. Renatus Ziegler brachten das Werk in Dialog mit dem zu Beginn des Jahres 1914 in Berlin gehaltenen Zyklus „Der menschliche und der kosmische Gedanke“ und den darin entwickelten 12 Weltanschauungen und erarbeiteten gemeinsam mit den Teilnehmern den Weltanschauungs-vermittelnden Gestus der „Rätsel“.

In Ergänzung zur Philosophie als Gedankenkunst ermöglichten Eurythmie-Einheiten mit Werner Barfod den Zugang zum Thema Entwicklung mit Hilfe der Bewegungskunst. Über das gemeinsame Bewegen von Formprinzipien im Raum wurden sowohl die Qualitäten der historischen Entwicklungsepochen als auch die innere Beweglichkeit des Goetheschen Entwicklungsverständnisses, das in seiner Metamorphose der Pflanzen zum Ausdruck kommt, erlebbar.

Um dem freien Gespräch Raum zu geben, wurden die Tage durch Reflexionsgespräche abgerundet, die durch die klar und einfühlsam geführte Moderation von Dr. Christiane Haid und Dr. Lydia Fechner das Wagnis eines offenen Gespräches mit der gesamten Tagungsgemeinschaft auf gekonnte Art und Weise meisterten.

Gerade die Vielfältigkeit und der Facettenreichtum der Tagung machten deutlich, dass sie durchaus als eine Ouvertüre für weitere Auseinandersetzungen mit dem wenig bekannten Werk verstanden werden kann: Schien doch jeder Beitrag eine Tür zu öffnen, hinter der weitläufige Räume zu erwarten sind, die ein fruchtbares Arbeiten an den Rätseln der Selbst- und Welterkenntnis versprechen. Dies vor allem auch deshalb, weil „Die Rätsel der Philosophie“ durch das gedankliche Arbeiten mit der Philosophiegeschichte und ihren Vertretern ein Feld eröffnen, auf dem die fein ausziselierten Begrifflichkeiten und die Urteilsschärfe entwickelt werden können, die hilfreich sind auf dem Weg zu einem Geistergreifen jenseits von Raumesgrenzen und jenseits vom Zeitenlauf und als wohltätige Strömung innerhalb der anthroposophischen Bewegung wirken, so wie Rudolf Steiner es in seinem Autoreferat vom 17. August 1908 mit dem Titel „Philosophie und Anthroposophie“ im Hinblick auf die Gedankenkunst der Scholastiker selbst anmahnte:

„Es ist nötig, dass man sich dazu bequeme, in scharfen, fein ziselierten Begriffen zu denken, in Begriffen, die man sich erst zubereitet; es gehört dazu, dass man die Geduld hat, von Begriff zu Begriff vorzuschreiten, dass man vor allen Dingen Neigung zu begrifflicher Reinheit und Sauberkeit habe, dass man weiß, wovon man redet, wenn man einen Begriff anschlägt. […] Indem ich dies spreche, werden Sie empfinden, dass es eine große Wohltat ist, wenn gerade innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft Bestrebungen auftauchen, die in allerbestem (erkenntnistheoretischem) Sinne auf eine Ausarbeitung der erkenntnistheoretischen Prinzipien hinzielen.“5

September: Artist in Residence in der Sektion für Schöne Wissenschaften

Reinhard Moritzen (geb. 1948) war vom 1.-18. September als erster Artist in Residence der Sektion für Schöne Wissenschaften nach Dornach eingeladen. Der in Hamburg Geborene und vor wenigen Jahren aus der Innenstadt in den von Moor und Wasser geprägten Norden Hamburgs Umgezogene erlebte seine Tage in Dornach und Umgebung, besonders die Arlesheimer Eremitage, als äusserst fruchtbar und inspirierend: „Es ist so, als wenn man auf einer grünen Wiese ein weisses Blatt hinhält, sofort springt ein Grashüpfer darauf... das ist dann ein Gedicht.“ Hier spricht der Augenmensch Moritzen, der immer wieder durch die momentanen Sinneserscheinungen zu seinen Wortschöpfungen und Gedichten kommt. Sein Gastgeschenk in Dornach war eine Lesung am 13. September, in der er aus seinem in diesem Sommer in Chartres entstandenen Zyklus „Lauzeta – sommerliche Erhebung“ vortrug. Einleitend blickte er auf einige Dichter und Schriftsteller, wie Bernardus Sylvestris, Marcel Proust und andere hin, die in Chartres wirkten oder durch die Kathedrale geprägt wurden. Wenn man ihn fragt, wie er den Dichter in sich entdeckte, weist er auf seine frühe Schulzeit und das neunte Lebensjahr hin. Nach leidvollen Anfangsjahren in der Regelschule kam er auf die Wandsbecker Waldorfschule. Dort war es der Nachklang rezitierter Gedichte, der in ihm eine Faszination am Klang, eine Liebe zur Sprache wachrief. Worte wie „der Wolkendurchleuchter“ oder „der Sonne Licht durchflutet“ berührten ihn vor allem als klangliche Phänomene und weckten zusammen mit beglückenden Erfahrungen im Eurythmieunterricht den zukünftigen Dichter. Er schrieb damals nur gelegentlich, war sich aber sicher, dass er Dichter werden würde, „Dichter oder Landstreicher“, wie er augenzwinkernd bemerkt, aber auch darin spricht sich der Umherschweifende, mit den Augen Suchende aus.

Veröffentlichte Dichtungen:
Reinhart Moritzen : „Poem von der Eklipse“, 2 Auflagen 2001, 2006; „Am Ort der hingerichteten Poesie“ 2002; „Kind der Wolken und des Kornes“ lyrische Szenen 2001;
„Ode an eine unsterbliche Strömung“ 2004; „Sand“ Musiktheater von Elmar Lampson für neun Instrumentalisten, drei Sänger, einen Schauspieler, drei Eurythmisten und Chor, Text: Reinhart Moritzen 1994; „Der Engel ohne Kopf elf lyrische Szenen“ 1998; Zudem ist Moritzen auch Herausgeber verschiedener Dichter, wie Hölderlin, Rilke, Nesimi u.a.

Oktober: Hochschularbeit der Sektion für Schöne Wissenschaften

Jährlich treffen sich Hochschulmitglieder der Sektion für Schöne Wissenschaften, um an den 19 Stunden des mantrischen Weges der Freien Hochschule aus der Perspektive der Sektion für Schöne Wissenschaften zu arbeiten.

verantwortlich: Dr. Christiane Haid

Oktober: Lazarus-Johannes. Die Geistselbstberührung des Ich

In seiner letzten Ansprache weist Rudolf Steiner aus einer neuen Perspektive auf die Lazarus-Johannes-Frage hin. Die Vorträge von Prof. Wolf Ulrich Klünker, Dr. Constanza Kaliks, Dr. Christiane Haid und Mechtild Oltmann haben aus verschiedenen Richtungen die Frage einer Geistleibbildung und Geistberührung im Ich bearbeitet und im gemeinsamen Gespräch mit den Tagungsteilnehmern vertieft. Werner Barfod intensivierte durch eine eurythmische Arbeit an den Lauten des Johannesnamens die Fragestellung der Tagung. Eine Publikation der Vorträge erscheint Ende 2016, herausgegeben von Prof. Wolf-Ulrich Klünker und Dr. Christiane Haid im Verlag am Goetheanum.

Dezember: Fachgruppe Kulturhistoriker und Kulturwissenschaftler

Erste Zusammenkunft der Fachgruppe Kulturhistoriker und Kulturwissenschaftler mit André Bartoniczek, Jànoz Darvas, Christine Gruwez, Prof. Roland Halfen, Prof. Wolf Ulrich Klünker, Dr. Jana Loose, Dr. Markus Osterrieder, Dr. Bruno Sandkühler, Dr. John van Schaik, Prof. Albert Schmelzer, Dr. Roland van Vliet, Dr. Andrew Welburn aus Deutschland, England und Holland. Das Treffen fand vom 3.-4. Dezember 2014 in Dornach statt. Die Forschungsthemen der Anwesenden repräsentieren ein Spektrum, das von Altiranischer Geschichte bis zur jüngsten Geschichte des 20. Jahrhunderts reicht. Das erste Treffen diente der gegenseitigen Vorstellung der Forschungsbiografien und den aktuellsten Forschungen jedes Mitwirkenden. Die Arbeit wird im Juni 2015 fortgesetzt.

Verantwortlich: Dr. Christiane Haid, Prof. Roland Halfen, Dr. Markus Osterrieder

1 „Diese Ideen [über den Gang der menschlichen Gedankenentwickelung] sind solche, die naturgemäß auf mannigfaltigen Widerstand stoßen müssen. Sie werden bei einer ersten Betrachtung so erscheinen, als ob ich sie als ‚Einfall‘ erlebt hätte und durch sie die ganze Darstellung der Philosophiegeschichte in phantastischer Art vergewaltigen wollte. Ich kann nur hoffen, daß man doch finden werde, diese Ideen seien nicht vorher ausgedacht und dann der Betrachtung des philosophischen Werdegangs aufgedrängt, sondern sie seien so gewonnen, wie der Naturforscher seine Gesetzte findet.“ STEINER, Rudolf: Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt. Dornach 1985, S. 15.

2 Z.B. Platonismus und Goetheanismus oder Sophismus und das Entstehen des Pragmatismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

3 Vgl. STEINER, Rudolf: Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt. Dornach 1985, S. 23ff.

4 Ebd., S. 20.

5 STEINER, Rudolf: Philosophie und Anthroposophie, Autoreferat eines Vortrags vom 17. Aug. 1908 in Stuttgart. Erstdruck: Berlin 1908, GA Bd. 35, S. 66-110, S. 23f.