Aus der Arbeit in Dornach im Jahr 2013

Januar: Albert Steffen-Tagung

Der Auftakt der Arbeit im Jahr 2013 erfolgte durch die jährlich Ende Januar stattfindende Tagung zum Werk Albert Steffens mit dem Thema ‚Menschwerdung durch das zeitgemässe Drama‘. Zu unserer besonderen Freude konnten durch zwei freie Schauspielgruppen das Drama ‚Der Sturz des Antichrist‘ und zudem noch Szenen aus dem Drama ‚Hieram und Salomo‘ aufgeführt werden. Besonders die Aufführung des Dramas ‚Der Sturz des Antichrist‘ war beeindruckend aktuell und hat durch seinen Inhalt viele Anregungen zur Wahrnehmung unserer gegenwärtigen Zeitsituation beigetragen. Steffen schrieb dieses Drama 1928, wobei er die Handlung an das Ende des 20. Jahrhunderts verlegte. Die Zeitereignisse ab 1933 zeigten dann deutlich, dass ihm mit diesem Drama eine poetische Vorausschau der nationalsozialistischen Diktatur gelungen war. Die Gefährdungen des Menschen sind heute ebenso da, nur finden sie auf anderen Ebenen statt. Das Drama kann helfen, für die wirksamen Kräfte wach zu werden.

(sofern die Beiträge nicht namentlich unterzeichnet sind, wurden sie von Christiane Haid verfasst)

Februar, März und November: Märchenseminare und Märchenkolloquium

Im Februar und März fanden zwei vertiefende Märchenseminare zum Thema ‚Märchen und Rosenkreuzertum‘ mit Almut Bockemühl und Heidrun Stöbe-Eckardt sowie das Seminar ‚Zeit zu warten – Zeit zu handeln‘ mit Angelika Schmucker und Silvia Studer-Frangi statt, in dem verschiedene Märchen grundlegend behandelt wurden. Im Rahmen des Märchenkolloquiums wurde der 80. Geburtstag von Almut Bockemühl, die die Märchenarbeit innerhalb der Sektion über viele Jahre getragen hat, gefeiert. Dies ging mit einem Rückblick auf die Märchenforschung am Goetheanum seit den 70er-Jahren einher, in dem Almut Bockemühl noch einmal hervorhob, wie wesentlich die Märchen für das Verständnis der Anthroposophie und die Entwicklung der Imagination sind und dass sie heute in ihrer tatsächlichen Bedeutung noch immer ein verkanntes Dasein fristen. Besonders die mitteleuropäischen Märchen, die durch die Brüder Grimm gesammelt und überliefert wurden, weisen einen besonderen Bezug zum Rosenkreuzertum auf, was Rudolf Steiner in verschiedenen Vorträgen dargestellt hat. Dies sollte in Zukunft noch mehr bearbeitet werden und auch in die allgemein anthroposophische Arbeit einfliessen. Almut Bockemühl wies darauf hin, wie die Märchen heute aus der Anthroposophie heraus in ihrer eigentlichen Tiefendimension überhaupt erst verstanden werden können.

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Das Märchenkolloquium trifft sich zwei Mal im Jahr zu einem Arbeitswochenende am Goetheanum und beschäftigt sich mit den alten Mythen und Märchen aus anthroposophischer Sicht. Der Kreis setzt sich aus Menschen zusammen, die aus den verschiedensten Interessensgebieten kommen. Das sind Märcheninteressierte,

-forscher, -erzähler und Puppenspieler. Unsere Arbeitsweise besteht darin, dass wir die Märchen in ihrem Ursprung, in ihren Bildern und Symbolen und ihrem Aufbau und Stil bearbeiten. Die Frucht unserer Arbeit zeigt sich in den regelmässig stattfindenden Seminaren und Tagungen am Goetheanum. In den letzten zwei Jahren stand das Thema ‚Prüfungen im Märchen‘ im Mittelpunkt unserer Treffen, bei denen wir uns besonders mit dem Kapitel ‚Die Einweihung‘ aus dem Buch Rudolf Steiners ‚Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten‘, sowie dem roten Fenster vor dem Grossen Saal des Goetheanum und dem russischen Märchen „Zarewna Frosch” auseinandersetzten. Zu diesem Thema werden wir vom 21. bis 22.2.2014 ein Märchenseminar anbieten.

Angelika Schmucker

Februar bis Dezember: Dichtersoiréen

Die neu entstandenen Dichtersoiréen, die Dichterpersönlichkeiten und Kulturschaffende von Eduard Mörike, Fercher von Steinwand, Rainer Maria Rilke über Inger Christensen, Adelheid Petersen von Sybel und chinesischer Lyrik aus drei Jahrtausenden bis hin zu weihnachtlichen Dichtungen von Albert Steffen in Form von Betrachtungen, Rezitationen, Musik und Eurythmie vorgestellt haben, erfreuen sich beim Publikum einiger Beliebtheit und liessen uns in die besondere Welt der jeweils ganz individuell geformten dichterischen Sprache eintauchen. Das Erlebnis des so eigenen Sprachduktus, der Stimmung und spezifischen Schicksalssituation sowie des jeweiligen Lebensmomentes, in dem die Dichtung entstanden ist, hat reiche Welten eröffnet und zeigt die lebensverwandelnde Kraft des dichterischen Wortes. Man konnte hier ahnen, wie stark die kulturbildende Kraft der Dichtung ist und welche zukunftsträchtige Aufgabe ihr daraus erwächst.

März: 12. Sprachwissenschaftliches Kolloquium – Zum Begriff des ‚Begriffs'

Mit dem Wort ‚weit' vom vorangegangenen Kolloquium wurde eine Übersicht über verschiedene Begriffsbeziehungen versucht (Magdalena Zoeppritz). Am Beispiel eines Texts zu ‚rot' (aus einem Vortrag vom 2.1.1915), ergänzt durch Eurythmie zu ‚rot' und das Motiv ‚Gottes Zorn' im Deckengemälde des Grossen Saals (Rozanne Hartmann), konnten wir beobachten, wie sich Begriffe – durch Mitdenken, Mitmachen und Betrachten – auf verschiedene Weise bilden können. Diese Prozesse wurden intensiviert durch sprachkünstlerische Übungen zu Wort und Begriff mit Gedichten von Ingeborg Bachmann und Paul Celan sowie einer eigenen Übung  angeleitet von Jutta Nöthiger. 

Erweitert wurde das Thema durch Beiträge zu den Grenzen der Sagbarkeit – „… ist das, was unsäglich ist, sagbar” von Lia Abuladze (siehe auch Die Drei,  Nr. I 2014)  – und zur Schwierigkeit, bei Menschen mit schwerer Sprachbehinderung kommunikative Äusserungen als solche zu erkennen – „Sprache oder nicht?”, Beitrag von Hortense Nötzli-Van den Eede.
Magdalena Zoeppritz

Die Zwölf Stimmungen

Unsere wöchentliche Arbeit in Dornach von Herbst 2012 bis Sommer 2013 an den Zwölf Stimmungen hat sich seit Weihnachten vor allem auf das astrale Kreuz von Stier, Löwe, Skorpion und Wassermann konzentriert. Wir arbeiten einerseits intensiv sprachlich am Text (Wortarten, Satzdynamik, Klang, Vokale, Konsonanten und Planeten im Zusammenhang mit den Vokalen). Dies wurde begleitet von gemeinsamen eurythmischen Übungen, die die Aspekte des Tierkreises mit den entsprechenden Planeten im Bewegen erfahren liessen. Dazu kam noch das individuelle und gemeinsame Sprechen der Sprüche, um sie auch in dieser Sphäre erleben zu können.

April: Studientagung zum Werk Rudolf Steiners – 100 Jahre ‚Die Schwelle der geistigen Welt‘

Mit der Veranstaltung einer jährlich stattfindenden Studientagung zum Werk Rudolf Steiners sollen die vielen noch bis 2025 währenden 100-Jahres-Jubiläen weniger im Sinne eines äusserlichen Jubiläums gefeiert werden, es geht vielmehr darum, die Gelegenheit zu ergreifen, sich den Werken mit einem neuen, aus den aktuellen Zeitereignissen heraus gestimmten Blick zuzuwenden. Robin Schmidt, Corinna Gleide, Helmut Goldmann, Constanza Kaliks, Paul Mackay und Christiane Haid stellten anhand verschiedener Kapitel des Buches ihren individuellen Zugang zu dessen Themen dar. Dies wurde dann in zwei Arbeitsgruppen vertiefend weiter bearbeitet. Das Thema Schwelle wurde zudem in einer Rezitation von Barbara Stuten auch künstlerisch in verschiedensten Dichtungen von Johann Wolfgang von Goethe bis Peter Handke und Paul Celan erlebbar gemacht. Die Teilnehmer, beinahe aller Altersstufen, waren über die Vielfalt der Anregungen, die aus den Beiträgen hervor gingen, erfreut. Neben einem aktuellen Aufgreifen der Themen wurde auch auf das Jahr 1913 und den thematischen Zusammenhang, in dem das Buch entstanden ist, geblickt. Dabei war beeindruckend zu sehen, wie Rudolf Steiner den Zusammenhang des vierten Mysteriendramas mit dem begleitenden Vortragszyklus ‚Die Geheimnisse der Schwelle‘ und des während des Dramen-Zyklus gerade erscheinenden Buches ‚Die Schwelle der geistigen Welt‘ als eine Einheit gedacht hat, an der die Mitglieder das Thema Schwelle zeitaktuell und existenziell, vom geschriebenen Werk, dem gesprochenen Wort bis hin zum Mysteriendrama erleben und erarbeiten konnten. Mit diesem Dreiklang verband Steiner ein klar beabsichtigtes Schulungsmotiv – den Zusammenklang von Kunst und Wissenschaft.

Mai: Kunstwissenschaftliches Kolloquium

Zwei Themenschwerpunkte bestimmten diesmal die Zusammenkunft im Mai:

‚Schein‘ als Fundamentalkategorie des Ästhetischen und Fotografie und Anthroposophie.
Der künstlerische Schein ist etwas für sich Bestehendes, Selbstständiges zwischen dem Wahren und dem Guten. Mit diesen in freier Verbindung, nicht in Abhängigkeit, kann der Schein als eine Funktion des Geistes (‚Schein der Idee‘) begriffen werden. Im Betrachter wird die Erfahrung des Geistes nicht durch den Inhalt, sondern durch die Qualität der Erscheinungsform wachgerufen. Zur Beschreibung dieses Zusammenhangs diente der unter Künstlern übliche Ausdruck ‚Stimmigkeit‘. Damit ist eine Erfahrung gemeint, die abspürt, ob alle Einzelheiten in einem Kunstwerk so zusammengefügt sind, dass sie eine Ganzheit bilden. Die Art, wie Stimmigkeit erreicht wird, ist individuell und dies gilt es auch bei der Betrachtung von Kunst zu berücksichtigen.
Das zweite Thema wurde mit der Frage eingeleitet: Lassen sich auf Grundlage von Rudolf Steiners Ausführungen zu einer Ästhetik der Zukunft Kriterien erarbeiten zum Verständnis der Fotografie als einer Kunstform der Gegenwart?
Es besteht die Diskrepanz in anthroposophischen Zusammenhängen, dass Fotografie zwar vielfach angewendet, als Kunst jedoch abgelehnt wird.
Welches sind die ureigensten Mittel der künstlerischen Fotografie? Es wurde deutlich, dass der eigentliche schöpferische Prozess erst mit der Betrachtung des durch das Objektiv des Apparates aufgenommenen Bildes beginnt. Ästhetische Qualitäten stehen im Wechselspiel mit Dokumentarischem. Hier gilt es Unterscheidungsfähigkeit zu entwickeln, damit die ästhetischen Qualitäten wahrgenommen werden können, denn bei der Betrachtung von Fotografie steht oftmals der dokumentarische Faktor im Vordergrund.

Alexander Schaumann, Jutta Wortmann

Mai und Oktober: Lyrikkolloquium

Im Kolloquium zur Sprache in der Poesie wurden in den vergangenen zwei Jahren drei Wochenenden den Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke gewidmet (12.–14. Oktober 2012, 3.–5. Mai und 11.–13. Oktober 2013). Diese hat Rilke selbst als Ziel und Krönung seines Werkes empfunden. Interessant ist die zeitliche Parallele ihrer Entstehung zu Höhepunkten in der Ausgestaltung der Anthroposophie.

In Rilkes Dichtung tauchte damals das Motiv des ‚Engels? auf, nicht als Anknüpfung an etwas traditionell Religiöses, sondern als Repräsentant einer ‚offenen? Welt, die Diesseits und Jenseits gleicherweise umfasst. „Der Engel der Elegien ist dasjenige Wesen, das dafür einsteht, im Unsichtbaren einen höheren Rang der Realität zu erkennen.“ (Brief an Witold Hulewicz). Ein Zeitgenosse Rilkes war Christian Morgenstern, der jung Verstorbene, dessen Todestag sich 2014 zum 100. Mal jährt. Seine Dichtung soll uns bei unserem nächsten Kolloquium beschäftigen (16.–18. Mai 2014).

Almut Bockemühl

Juni: Pfingsttagung ‚Von den Quellen der Kunst – Die Bewusstseinsseele an der Schwelle‘

Die Pfingsttagung, eine gemeinsame Veranstaltung der Sektion für Redende und Musizierende Künste, der Sektion für Schöne Wissenschaften und der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion, war einem vielfältigen Weg durch den Reigen der Künste, die sich hier durch die gemeinsame Arbeit begegneten, gewidmet. Der Priester Michael Debus, der Arzt Armin Husemann, der Bildhauer und Architekt Christian Hitsch und Christiane Haid gaben Vorträge, die als zentrale Themen aus den verschiedenen Perspektiven dem Prozess der Vergeistigung des Stoffes nachgingen, in Eurythmie, Musik, Ästhetik, Dichtung und Architektur. Dazu kam eine Vielfalt von Aufführungen in Eurythmie und Musik.  Unter anderem spielte das Heiligenberger Streichseptett, auf Instrumenten, die in den Planetenhölzern nach Angaben von Rudolf Steiner gefertigt waren, zeitgenössische Kompositionen, und eine Sprechchoraufführung zu Pfingsten wurde als ganz besonders eindrucksvoll erlebt. Die Zusammenarbeit der Sektionen brachte durch diesen harmonischen Zusammenklang eine bedeutende Horizonterweiterung mit sich. In der Tagungsgestaltung bildete zudem eine intensive Arbeit der künstlerischen Arbeitsgruppen einen Hauptakzent, so dass allein sieben Stunden Zeit war, in das jeweilige Gebiet, Malerei, Zeichnen, Eurythmie und Sprachgestaltung, einzutauchen.

Juni: Kulturtagung I ‚Labyrinthe – Dimensionen eines Urbilds‘

Das Labyrinth ist ein weite Zeiten der Kulturen umspannendes Phänomen. Es ist, wie Wolfgang Schad darlegte, bereits in prähistorischen Funden zu entdecken und hat über die Jahrtausende zahlreiche Metamorphosen erfahren. In ihm kann man Beziehungen zu menschenkundlichen Tatsachen entdecken, so als hätte der Mensch sich im Labyrinth unter anderem einen Spiegel für seine Gehirntätigkeit geschaffen. Die Vorträge von Wolfgang Schad und Roland Halfen verfolgten das Labyrinthmotiv in seinen verschiedenen Bedeutungen und Ausprägungen über die Jahrtausende bis in die heutige Zeit. Wesentlich bereichert wurde die Arbeit durch ein intensives eurythmisches Üben mit Werner Barfod, der die grosse Gruppe von beinahe 90 Menschen in der Schreinerei in ein konzentriertes leiblich-seelisches Erfahren des Labyrinths in seinen verschiedenen Formen und Bewegungen brachte. Auch in dieser Tagung spielte der Zusammenklang von Wissenschaft und Kunst eine wichtige Rolle.

Juni: Kulturtagung II ‚Metamorphosen des tragischen Bewusstseins – Entwicklungsbedingungen der Bewusstseinsseele‘

Anlässlich des 50. Todestags von Albert Steffen veranstaltete die Sektion eine Tagung zu Albert Steffens Werk, die verschiedene Aspekte seines Schaffens zum Ausdruck brachte. Zum einen Steffens intensives Arbeiten an den Aspekten innerer Schulung, das in Bodo von Platos Beitrag ausgearbeitet wurde; dann blickte Christof Wiechert unter menschenkundlichen Fragestellungen auf die Vortragswiedergaben, die Albert Steffen von Vorträgen Rudolf Steiners anfertigte. Rudolf Steiner schätzte diese selbst höher als die stenographischen Wiedergaben seiner Vorträge. Hier liegt noch ein ausserordentlicher Schatz von Steffens Schaffen vor, der bisher nahezu unentdeckt geblieben ist. Ein Liederkonzert von Marret Winger und Steffen Hartmann mit Vertonungen von Gedichten Steffens durch die Komponisten Reimund Schwedeler und Torben Maiwald vermittelte einen besonderen Zauber. Ein grosses Ereignis war, dass an diesem Wochenende durch freie Schauspielgruppen drei Dramen von Albert Steffen aufgeführt werden konnten: Das 1925 veröffentlichte Drama ‚Hieram und Salomo‘, zu dem Christiane Haid eine Einführung gab und die 1928 veröffentlichte dramatische Skizze ‚Der Sturz des Antichrist‘, in einer deutschen und einer französischen Inszenierung. Zuletzt spannte Michael Kurtz in seinem Abschluss-Vortrag den Bogen von Albert Steffens Drama ‚Friedenstragödie‘, das von Woodrow Wilson und dem Vertrag von Versailles handelt, zu Steffens Drama über den chinesischen Volkshelden „Lin“, womit Steffens Auseinandersetzung mit dem Gegensatz von westlicher und östlicher Welt-Gegensätzlichkeit ihren Ausdruck findet. Als eine Art Résumé kann man sagen, dass der Zusammenhang von Vorträgen und künstlerischen Aufführungen eine belebende Wirkung mit sich brachte und dass durch die Werke und die Betrachtungen die zukunftsweisenden Impulse des Werkes von Albert Steffen erlebbar wurden.

Oktober: Hochschularbeit der Sektion für Schöne Wissenschaften

Alljährlich findet eine Hochschularbeit im Rahmen der Sektion statt, die aus der Perspektive der Schönen Wissenschaften die Arbeit an den Klassenstunden pflegt. Eine Teilnahme ist für Hochschulmitglieder auf Anfrage möglich.

November: Kulturtagung III ‚Parzival – Parsifal. Vom Mythos des Menschen der Bewusstseinsseele‘

 

im Zusammenhang mit dem 200. Geburtstag Richard Wagners. Mit dem Thema wurde der Bogen von Chrétien de Troyes bis Richard Wagner gespannt. Bruno Sandkühler machte auf die ausgezeichnete Kenntnis des Orients bei Chrétien und Wolfram von Eschenbach aufmerksam und zeigte, wie mit den Gralsdichtungen als Ideal eine kosmopolitische Gestaltung der Kultur intendiert ist, die ein friedliches Zusammenleben von Muslimen, Christen und anderen religiösen Richtungen anstrebt. Corinna Gleide skizzierte einige zentrale Motive aus Wolfram von Eschenbachs Parzival und brachte sie in Beziehung zu Fragen der inneren Entwicklung des Menschen in der Bewusstseinsseele. Michael Debus stellte dar, wie seit dem Mysterium von Golgatha die Entwicklung in die Hand des Menschen gelegt ist. Die Mysterien der Weisheit sind in die Mysterien des Willens umgewandelt worden. Dem trägt der Wagnersche Parsifal Rechnung, indem Parzifal der Welt nicht mit einer Erkenntnisfrage, sondern mit einer aus Mitleid gespeisten Zuwendung begegnet. Das Geistige wird von ihm in der geistigen Seite der Sinneswelt, in der Natur gesucht und gefunden (Karfreitagszauber) – hiermit ist das Gralsgeheimnis verbunden. Dass hier ein gewaltiges Kampffeld vorliegt und der Mensch, statt die geistige Seite wahrzunehmen, ganz an die Sinneswelt gefesselt werden soll, ist Menschheitssituation. Wagner hat mit seiner Fassung des Parsifal tiefere Schichten des heutigen Menschseins angedeutet. Begleitet wurden die Ausführungen durch musikalische Demonstrationen von Katrin Ellger, Geige/Gesang und Jochen Gerlinger am Klavier, die die wesentlichen Leitmotive der Wagnerschen Musik kundig darlegten und manches auch mit dem Publikum gesanglich improvisierten. Die Tagung fand eine begeisterte Aufnahme beim Publikum. Über 300 Menschen nahmen teil.

Mai und November: Kolloquium zum sprachschöpferischen Impuls Rudolf Steiners

Unter diesem programmatischen Titel trifft sich zur Zeit zwei Mal pro Jahr eine Arbeitsgruppe, die sich speziell mit der Sprache befasst, die Rudolf Steiner eigens für sein literarisches Werk geschaffen hat. Es werden vor allem die spezifisch ausgestalteten Dichtungen und exemplarisch Aufsätze bzw. Buchkapitel untersucht. Der Forschungsansatz ist dabei ein künstlerischer, d.h. der Fokus ist vor allem darauf gerichtet, wie Rudolf Steiner die Sprache formt, damit sie adäquat an das Geistige heranführen kann. Thema der ungemein lebendigen Gesprächsarbeit waren in diesem Jahr die Strophen des Widders und der Waage aus der makrokosmischen Dichtung ‚Die zwölf Stimmungen‘. Da diese Wortschöpfung mittelbar von der geistigen Tierkreis- und Planetensphäre zeugt, ist ein landläufiges Verstehen der Inhalte nicht möglich, zumal in dieser ‚spirituellen Poesie‘ kaum noch ein vorstellbarer Inhalt erkenntlich ist – man befindet sich vielmehr in einem lebendig bewegten Wortgeschehen aus sprachlichen Gesten, Gebärden und Neigungen. Hilfreich ist die Poetik: Indem wir versuchen, die Stilmittel (Bilder, Wortfiguren) und Rhythmisch-Klangliches (Metrik, Laute) der Sprache uns zum Erlebnis zu bringen, gewahren wir etwas vom geistigen Gehalt dieser besonderen Dichtkunst. Als weiteres wurde Kapitel I aus ‚Die Schwelle der geistigen Welt‘ besprochen: von dem Vertrauen, das man zu dem Denken haben kann, und von dem Wesen der denkenden Seele – vom Meditieren. Der Text wurde auf verschiedene Merkmale hin untersucht, unter anderem auf die Verwendung von Bildern, auf den architektonischen Aufbau und auf die Denkbewegung hinter der Sprache. Hier wurde eine Lesart vorgeschlagen, die die jeweiligen Gedankeninhalte in Zusammenhang mit den Qualitäten der Tierkreisbilder bringt. Ein ungewöhnlicher methodischer Griff, der neue Einsichten eröffnen kann. – Die Arbeiten werden fortgesetzt. Schliesslich wurde aus aktuellem Anlass die Einleitung des ersten Bandes der Steiner Kritischen Werksausgabe (SKA) von Christian Clement zwar kontrovers diskutiert, letztendlich aber als bemerkenswertes editorisches Novum begrüsst.

Daniel Hartmann

Erika Beltle

Zum Sonnenhöchststand eines schönen Wintertages, um 12 Uhr mittags des 19. Februar 1921 wurde Erika Beltle geboren. Am 21. Juni, genau am Sonnenhöchststand des Jahres 2013, kehrte sie in die geistige Welt zurück. Sie selbst schildert mit folgenden Worten ihr über 92 Jahre währendes Leben:

„Beim Blick auf den eigenen Lebensgang erscheint es mir so, als ob ich fünf Begegnungen – man könnte sie auch Erfahrungen oder Erfüllungen nennen – ohne Umschweife und Umwege gesucht hätte: 

  1. das Erleben der Natur,
  2. den Durchgang durch die Waldorfschule,
  3. das frühe Begegnen der Anthroposophie,
  4. das Finden des Schicksalsgefährten und
  5. das Verwirklichen der Lebensaufgaben.

Vom ersten Augenblick an scheint alles darauf angelegt, dies möglich zu machen – wobei es selbstverständlich ist, dass gerade Hemmnisse und Schwierigkeiten die Helfer dazu sind. 

Geboren bin ich im Februar 1921 in Stuttgart, aber meine Vorschulzeit verbrachte ich fast ausschliesslich in einer urwüchsigen ländlichen Gegend in Hohenlohe. Alles, was sich damals um ein Kind herum abspielte, waren sinnvolle und noch ganz durchschaubare Tätigkeiten, die dem Menschen und der Natur dienten. Man erlebte die Tiere, wusste wann die Schwalben ziehen und die Störche wiederkommen, wo die ersten Veilchen blühen und welche Regeln einzuhalten sind im Gang durch das Jahr. Dabei stand ich vor allem unter weiblicher Schirmherrschaft, gleichsam in der Obhut von zwei Müttern: der leiblichen und der Pflegemutter in Hohenlohe, die ich beide gleicherweise liebte.

Als die Schule begann, endete für mich schmerzlich dieses Leben in der freien Natur; inmitten der hohen Stadthäuser fühlte ich mich wie eingesperrt. Es dauerte lange, mich in die neue Umgebung und in den Schulbetrieb einzuleben, obwohl ich meine Lehrer von Anfang an sehr liebte. - Die Waldorfschule besuchte ich bis zur Schliessung durch das NS.-Regime. Dann folgte die Handelsschule und eine Bürotätigkeit über die ganze Dauer des zweiten Weltkrieges. Man teilte das allgemeine Schicksal: Ausbombung; Betriebsverlagerung; Tod des Freundes in Russland. Man suchte nach guter Literatur und nach Gesprächen mit Menschen, die nicht nur an der Oberfläche des Daseins haften wollten.

Schon früh interessierte ich mich für philosophische, weltanschauliche Fragen. Durch einen Sportunfall mit 13 Jahren, der mich längere Zeit isolierte, hatte ich die Möglichkeit, mich ausgiebig diesen  Studien zu widmen. Ich las,  was mir diesbezüglich in die Hände kam, vor allem aber aus dem Bücherschrank meiner Mutter „Die Theosophie“, die „Geheimwissenschaft im Umriss“, „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ und so nach und nah die Grundschriften Rudolf Steiners.

Da die Chemieschule, die ich besuchen wollte, für ein Jahr ausgebucht war, besuchte ich inzwischen die Handelsschule. Aber dann brach der Zweite Weltkrieg aus, und ich landete bei einer Versicherungsgesellschaft, bei der ich schliesslich bis Kriegsende dienstverpflichtet war.

Im letzten Kriegsjahr heiratete ich Theodor Beltle, mit dem ich seit 1940 Feldpostbriefe wechselte mit heftigen Auseinandersetzungen über Anthroposophie. Es war Verbotszeit  und es konnte anthroposophische Literatur weder gekauft noch ins Feld geschickt werden. Mit der Zeit erwachte bei meinem Briefpartner das Verständnis: er wurde, neben seinem Beruf als Geschäftsführer des väterlichen Süsswarenbetriebs bald ein überzeugter und tätiger Anthroposoph. In den Jahren nach Kriegsende erfreuten wir uns an vielen Gästen,  arbeiteten im Freundeskreis Anthroposophie und unternahmen mit Ernst Uehli, meinem einstigen Lehrer in der Waldorfschule, wunderbare Reisen nach Griechenland und Italien. Auch erschienen meine ersten Gedichtbändchen „Wanderung“ (1956) und „Schaue, lausche“ (1962), sowie die „Pfiffikus-Rätsel“ (1962). 

Da gelangte Ende der 50er Jahre – gleichsam aus heiterem Himmel – die Bitte an uns, den Neubau des Eurythmeums in Stuttgart zu übernehmen, was wir dann taten. Jahre des Aufbaus folgten, die alle Zeit und alle Kraft in Anspruch nahmen. Aber im Laufe von mehreren Jahren war ein grosser, schöner Bau in Stuttgart erstellt, es gab für die Eurythmieschule und die Bühne einen Trägerverein und eine Bühnengruppe, die in grossen Theatern im In- und Ausland auftrat. Nun konnte ich mich auch wieder anderem widmen: Erste Aufsätze in Zeitschriften erschienen, weitere Lyrik- und Rätselbändchen sowie  Erzählungen und zwei Bilderbücher mit Versen entstanden. 

Genau an meinem 49. Geburtstag stellte das Leben zum zweiten Mal überraschend eine Frage, diesmal an mich allein: die Schriftleitung der anthroposophischen Vierteljahresschrift „Aus der Anthroposophischen Arbeit in Deutschland“ zu übernehmen. Ich sagte zu und führte sie während 18 Jahren mit immer gleichbleibender Freude. In Kurt Vierl fand ich einen Mitarbeiter für eine jahrelange, reibungslose und schöne Zusammenarbeit.  (N.B. eine Frucht dieser Jahre ist der Band „Erinnerungen an Rudolf Steiner“, der einen überaus vielseitigen, lebendigen Eindruck von dem Begründer der Anthroposophie und seinem Wirken in der Welt gibt.)

1989 starb mein Mann. Dieser Abschied war sehr schwer zu bestehen. Nach jahrelanger inniger Gemeinschaft musste ich nun das Leben allein meistern. Nun galt es, viel Schriftliches zu sichten. - Noch immer lebe ich in unserem Haus in Stuttgart, pflege den Garten die Zaungäste an den Fenstern und die Gespräche mit interessanten Menschen. Ab und zu schreibe ich ein Gedicht oder auch besonders gern Rätsel, und bald kommt in der Rosen-Bibliothek ein Lyrikbändchen mit ausgewählten Gedichten aus 6 vergriffenen mit dem Titel: „Melodie des Lebens. Gedichte der Freundschaft und Liebe“. Damit, denke ich, ist für dieses Leben genug veröffentlicht.“

So weit schrieb Erika Beltle im Jahre 2005. Doch es kam anders: die neu aufgelegten „Pfiffikus-Schelmennuss“-Rätsel (2005) weckten nochmals die Lust, Rätsel zu schmieden, sodass im Ganzen 7 Rätselbändchen nacheinander im Verlag Freies Geistesleben erschienen, die in ihrer absolut präzisen und zugleich dichterischen Sprachkraft zur Denk- und Entdeckerfreude anregen. Ebenso unerwartet wurde der Band „Gesammelte Gedichte“  in der Reihe „Ausgewählte Werke von Erika Beltle“ vom Verlag Urachhaus 2008 herausgegeben, wo schon ein Jahr zuvor das ihr sehr am Herzen liegende Thema zur Ästhetik Rudolf Steiners unter dem Titel „Was die Sprache versteckt hält – vom Zauber ihrer Kunstmittel“ erschienen war, und wo 2009 als Band III ihre gesammelten Erzählungen mit dem Titel „Unter griechischer Sonne“ – und schliesslich 2011als Band lV“ Flamme bin ich sicherlich“, gesammelte Essays,  erschienen sind. Erwähnenswert ist auch, dass Erika Beltle 2009 ihren Briefwechsel aus dem zweiten Weltkrieg über die Liebe, das Leben und die Anthroposophie mit ihrem späteren Mann, Theodor Beltle als spannenden Briefroman „Für Dich will ich leben“ veröffentlicht hat (Freies Geistesleben). 

Erika Beltle hatte einen Freundeskreis, zu dem in ihren jüngeren Jahren zahlreiche in der Anthroposophie besonders tätige Persönlichkeiten, in ihrem Alter eine Reihe jüngerer, der Dichtkunst, Sprache, Philosophie und Phänomenologie und auch Wissenschaft zugeneigte, anthroposophisch strebende Menschen gehörten. Die Gespräche mit ihr und im Freundeskreis brachten jedesmal Anregung und geistigen Genuss. Immer am anderen Menschen und am Leben interessiert, pflegte sie ihre Freundschaften, Anteilnehmend an eines jeden Einzelnen Schicksal und Wirken. Und in all den Jahren seit dem Tod von Theodor Beltle fühlte sie sich ihm nah und weiterhin zutiefst geistig verbunden.

Ihre Geburtstage feierte die Dichterin in ihrem schönen Heim im Kreise der Freunde – zu denen auch ihre Verleger zählen – immer in festlicher Art, in Schönheit und Heiterkeit und bei sinnvollen Gesprächen. So auch 2011 ihren 90. Geburtstag,  2012 und 2013 den 91. Und 92. Geburtstag, körperlich immer zarter werdend, aber geistig hell interessiert und präsent, in der Seele miterlebend ihrer Freunde Lebensereignisse und mit Freude ihren Garten, die mannigfachen Blumen und die gezähmten gefiederten Freunde, die Meisen, jeden Tag wahrnehmend. 

Eine plötzliche Verschlechterung ihrer Gesundheit machte im Juni 2013 einen Spitalaufenthalt nötig. Dort machte sie die Erfahrung mit der modernen technischen Maschinerie des heutigen Gesundheitswesens… So hat sie in ihrem 92 Jahre währendem Leben zu Beginn noch das völlig handwerklich geprägte, einfache Leben auf dem Lande, am ihrem Lebensende aber die hochentwickelte Technik unserer Zivilisation erlebt – den extremen Wandel eines ganzen Jahrhunderts! Immer aber war es ihr innerstes Anliegen, diese Zivilisation mit Anthroposophie zu befruchten. Erika Beltle besass Kraft des Geistes, Schönheit und Grossherzigkeit – sie hatte eine besondere Beziehung zur Sonne. Sie starb, wieder zu Hause, am 21. Juni 2013, als die Sonne gerade ihren Höchststand im Jahreslauf erreicht hatte.  

Eine Liste ihrer Bücher gibt es hier: http://www.geistesleben.de/urheber/erika-beltle